Eine Glosse von Sandra Grätsch
Ja, Leute, ich habe es wieder getan: Ich besitze einen E-Scooter. Einen Segway. Andere Menschen kaufen sich in unruhigen Zeiten Gold, Immobilien oder wenigstens einen gut gefüllten Benzinkanister. Ich investiere in zwei kleine Räder, einen Lenker und die tägliche Hoffnung, heil anzukommen.
Und was soll ich sagen? Es macht Spaß! Man schwebt nahezu lautlos durch Schweinfurt, der Fahrtwind spielt mit den Haaren, und an der Tankstelle kann man mit einer gewissen finanziellen Überlegenheit vorbeigleiten. Während Autofahrer auf die Preistafel starren, als würden dort die Lottozahlen der kommenden Woche angezeigt, sause ich elegant vorbei. Na ja, „sause“ – ich fahre ordnungsgemäße 20 Kilometer pro Stunde. Für manche Verkehrsteilnehmer ist das offenbar keine Geschwindigkeit, sondern eine Einladung zur Treibjagd.
Denn als E-Scooter-Fahrerin lernt man schnell: Die größte Gefahr ist nicht der leere Akku. Die größte Gefahr sind Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass genau dort, wo man gerade fährt, eigentlich sie fahren müssten. Autofahrer überholen mit einem Sicherheitsabstand, der vermutlich nur unter dem Elektronenmikroskop sichtbar wird. Fußgänger wechseln spontan die Richtung. Und Radfahrer schießen von hinten heran, als würden sie auf der letzten Etappe der Tour de France um das Gelbe Trikot kämpfen.
Besonders spannend wird es auf den Schweinfurter Radwegen. Deren Wegführung ist stellenweise so ungewöhnlich, dass man dafür eigentlich Abitur braucht – Leistungskurs Verkehrsarchäologie. Der Radweg beginnt rechts, verschwindet plötzlich, taucht auf der anderen Straßenseite wieder auf und endet schließlich vor einem Schild, das ungefähr sagt: „Ab hier sehen Sie bitte selbst zu.“
Man steht dann mit seinem Segway an einer Kreuzung und versucht herauszufinden, ob man Radfahrer, Fußgänger, Kraftfahrzeug oder eine bislang unbekannte Unterart des öffentlichen Nahverkehrs ist. Links abbiegen? Geradeaus fahren? Absteigen? Den Roller zusammenklappen und als Handgepäck deklarieren? Manchmal wünsche ich mir statt eines Displays am Lenker ein Navigationsgerät mit psychologischer Betreuung: „Bitte bleiben Sie ruhig. Der Radweg wird in etwa 300 Metern wieder sichtbar. Vielleicht.“
Ich bemühe mich wirklich, alle Regeln einzuhalten. Ich fahre dort, wo ich fahren darf, halte an roten Ampeln und parke meinen Roller so, dass niemand darübersteigen, drumherumturnen oder einen Bergrettungseinsatz anfordern muss. Zumindest versuche ich es. Schließlich möchte ich nicht zu jener Spezies gehören, die ihren E-Scooter quer auf dem Gehweg abstellt, als hätte sie gerade spontan eine Straßensperre eröffnet.
Umso erschrockener bin ich, wenn andere Rollerfahrer mit gefühlt doppelter Geschwindigkeit an mir vorbeirauschen. Ich fahre 20 – die fahren offenbar 20 plus Rückenwind, Tuning und eine persönliche Ausnahmegenehmigung von Isaac Newton. Kaum hört man ein leises Surren, sind sie schon vorbei. Helm? Fehlanzeige. Rücksicht? Akku leer. Verkehrsregeln? Vermutlich in der App noch nicht freigeschaltet.
Trotzdem frage ich mich: Warum müssen eigentlich nur E-Scooter versichert sein? Fahrräder können deutlich schneller fahren, und auch deren Fahrer halten sich nicht automatisch an Verkehrsregeln, nur weil sie selbst in die Pedale treten. Manche parken ihre Räder so kunstvoll auf Gehwegen, dass man glaubt, es handle sich um eine städtische Installation mit dem Titel „Kein Durchkommen“.
Ich wäre deshalb für eine einfache Regel: Wer auf Rädern am Straßenverkehr teilnimmt und andere gefährden oder ihnen den Weg versperren kann, sollte Verantwortung übernehmen – egal, ob das Fahrzeug summt, klingelt oder von sportlich trainierten Waden angetrieben wird.
Bis dahin rolle ich weiter durch Schweinfurt: vorschriftsmäßige 20 Kilometer pro Stunde, beide Hände am Lenker und den Blick ständig auf der Suche nach Autofahrern, Radfahrern, Fußgängern und dem nächsten verschwundenen Radweg.
Mein Segway macht Spaß. Er spart Sprit. Und er hält geistig fit. Denn wer die Schweinfurter Radwege versteht und lebend ans Ziel kommt, hat nicht nur Abitur verdient, sondern eigentlich gleich einen Doktortitel.



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