Sandras Glosse - Hatschi, Demokratie – oder: Wer im Warmen sitzt, spürt den Sturm nicht

 


Es gibt einige, die haben eine Meinung

Frank Firsching sagt:
Alle hätten es doch geschafft.
Die Linke, die ÖDP, die Schweinfurter Liste.
Man müsse eben nur wollen.

Das klingt nach Gleichheit.
Ist aber in Wahrheit politische Folklore.

Denn als Franks Truppe Unterschriften sammelte, war sie keine frierende Wählergruppe, sondern ein fertiges politisches Möbelstück: Zu einer anderen Zeit. 
Ein Teil von ihnen saß bereits im Stadtrat.
Andere waren Parteiflüchtlinge, teils mit Gewerkschaftshintergrund.
Leute mit Namen, Netzwerken, Anrufen, Einfluss – und einem Publikum, das wusste, wer da sammelt.

Sie standen auf einem politischen Fundament.

Ich dagegen stand draußen alleine.
Ohne Mandat.
Ohne Parteiapparat.
Ohne Gewerkschaft im Rücken, die schnell mal ein paar Hundert Unterstützer mobilisiert.

Nur mit einer Idee.

Drinnen im Bürgerbüro stapelten sich die Führerscheinumtauscher.
Draußen stapelte sich die Kälte.
Und dazwischen verloren sich die Menschen, die eigentlich unterschreiben wollten – aber ihren Ausweis vergessen hatten, den Mut verloren oder durch den Seitenausgang vor dem Chaos geflüchtet waren.

Frank sagt:
„Die Unterschriften wurden bei Ihnen doch erbracht.“

Ja.
Aber nicht unter denselben Voraussetzungen.

Ich habe gesehen, wie Menschen bereit waren zu unterschreiben –
aber ihren Ausweis vergessen hatten.
Oder ihre Geduld.
Oder einfach ihre Lust, bei diesem Wetter noch einmal anzutreten.

Das alles zählt in Franks Welt nicht.
Dort ist nur wichtig, dass es am Ende irgendeine Zahl auf einem Blatt Papier gibt.
Egal, wer dafür gefroren, gehustet oder aufgegeben hat.

Das ist die große Lebenslüge dieser Regelung:
Sie tut so, als hätten alle dieselbe Chance.
Dabei misst sie nicht politische Unterstützung –
sondern die Fähigkeit, Kälte, Chaos und Bürokratie gleichzeitig auszuhalten.

Die einen sammeln Stimmen mit politischem Rückenwind.
Die anderen sammeln sie gegen Sturm, Bürokratie und Gleichgültigkeit.

Und dann tun wir so, als sei das derselbe Wettkampf gewesen.

Ich erkenne das an.
Ich werfe es niemandem vor.
Denn Unterstützung ist etwas anderes als Bereitschaft zur Selbstkasteiung.

Und ja – wahrscheinlich hatte ich irgendwann auch keine Lust mehr, mich vor das Rathaus zu stellen und Menschen anzubetteln, mir doch bitte ihre demokratische Gnade zu schenken.
Nicht, weil mir die Stadt egal war –
sondern weil mir meine Würde und meine Gesundheit nicht egal waren.

Ich wollte dieser Stadt meinen Stempel aufdrücken.
Aber nicht als Bettlerin im Frost, während politische Profis im Warmen erklären, wie leicht das doch alles sei.

Demokratie darf eine Hürde haben.
Aber sie sollte keine Kältekammer sein, in der nur die Überlebenden kandidieren dürfen.

Hatschi. ❄️

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