Frank Firsching vom DGB, Rainer Gehring von der IG Metall und Martin Schmidl von Verdi üben deutliche Kritik an geplanten Reformen – Kundgebung am 26. September in Nürnberg
Schweinfurt. Arbeitszeit, Rente, Krankenversicherung und Pflege: Die aktuellen und geplanten Veränderungen in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik sorgen bei den Gewerkschaften für erheblichen Widerstand. Bei einer Pressekonferenz in Schweinfurt machten Frank Firsching vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), Rainer Gehring von der IG Metall und Martin Schmidl von Verdi deutlich, wo sie die größten Probleme sehen – und warum die Gewerkschaften nun auch öffentlich mobilisieren.
Dabei ging es nicht darum, Reformen grundsätzlich abzulehnen. Im Gegenteil: Nach Auffassung der Gewerkschafter besteht bei den sozialen Sicherungssystemen durchaus Handlungsbedarf. Die entscheidende Frage sei jedoch, wer die Kosten der Veränderungen trägt und welche Leistungen am Ende noch bei den Menschen ankommen.
Der DGB fordert deshalb „mehr Solidarität statt Sozialkürzungen“. Die Kritik richtet sich gegen Entwicklungen, bei denen Beschäftigte nach Auffassung der Gewerkschaften höhere Belastungen tragen müssten, während gleichzeitig soziale Leistungen eingeschränkt würden.
Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, wollen die Gewerkschaften am 26. September 2026 gemeinsam auf die Straße gehen. Aus Schweinfurt und der Region Main-Rhön sollen Busse zu einer großen Kundgebung nach Nürnberg fahren.
Martin Schmidl: Kritik an Veränderungen in der Arbeitswelt
Martin Schmidl von Verdi nahm bei der Pressekonferenz insbesondere die Themen Arbeitsrecht und Arbeitsbedingungen in den Blick.
Die Kritik der Gewerkschaft richtet sich unter anderem gegen mögliche Veränderungen bei sachgrundlosen Befristungen. Nach Darstellung der Gewerkschafter könnten Beschäftigte künftig über einen längeren Zeitraum hinweg befristet beschäftigt und Arbeitsverträge häufiger verlängert werden.
Aus Sicht der Arbeitnehmervertreter bedeutet das insbesondere für jüngere Beschäftigte zusätzliche Unsicherheit. Wer nicht wisse, ob sein Arbeitsverhältnis dauerhaft Bestand habe, könne langfristige Entscheidungen – etwa bei Familienplanung, Wohnung oder Finanzierung – nur schwer treffen.
Schmidl machte deutlich, wie umfassend die Gewerkschaften die derzeit diskutierten Veränderungen einschätzen. In der Pressekonferenz fiel dazu der drastische Satz: „Der Rasenmäher ist angeschmissen.“
Sorge vor deutlich längeren Arbeitstagen
Ein weiterer Schwerpunkt war das Arbeitszeitgesetz. Kritisch sehen die Gewerkschaften Überlegungen, die bisherige tägliche Höchstarbeitszeit stärker durch eine wöchentliche Betrachtung zu ersetzen.
Nach Einschätzung der Gewerkschaften könnte dies dazu führen, dass an einzelnen Tagen erheblich länger gearbeitet wird als bisher.
Dabei gehe es nicht nur um die reine Zahl der Arbeitsstunden. Auch Belastung, Erholungszeiten und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielten eine Rolle.
Besonders kritisch könne eine solche Entwicklung Beschäftigte treffen, die nicht durch einen Tarifvertrag oder einen Betriebsrat geschützt seien. In diesem Zusammenhang verwiesen die Gewerkschafter auf die aus ihrer Sicht vergleichsweise geringe Tarifbindung in Unterfranken.
Telefonische Krankschreibung ebenfalls Thema
Auch die Regeln bei einer Erkrankung von Beschäftigten wurden angesprochen. Die Gewerkschaften wenden sich gegen Überlegungen, bereits ab dem ersten Krankheitstag eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verpflichtend zu verlangen.
Kritisch sehen sie zudem eine mögliche Abschaffung der telefonischen Krankschreibung.
Nach ihrer Einschätzung würde dies nicht nur Arbeitnehmer belasten, sondern auch zusätzliche Arbeit für ohnehin stark beanspruchte Arztpraxen bedeuten. Menschen mit leichteren Infekten müssten wieder persönlich eine Praxis aufsuchen und würden dort möglicherweise weitere Patienten einem Infektionsrisiko aussetzen.
Stellenabbau im öffentlichen Dienst – Schweinfurt konkret betroffen?
Einen unmittelbaren regionalen Bezug stellte Verdi bei der Diskussion über einen möglichen Stellenabbau im öffentlichen Dienst her.
Dabei wurde das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt in Schweinfurt als Beispiel genannt. Nach Angaben der Gewerkschaft seien innerhalb der betreffenden Strukturen bereits zahlreiche Stellen nicht besetzt.
Zusätzliche pauschale Einsparvorgaben könnten nach Einschätzung von Verdi die Situation weiter verschärfen. Die Gewerkschaft warnt davor, Stellenabbau allein über prozentuale Vorgaben zu organisieren, ohne die tatsächliche Personalsituation und die Aufgaben der jeweiligen Behörden ausreichend zu berücksichtigen.
Rainer Gehring: „Wer soll tatsächlich bis 70 arbeiten?“
Rainer Gehring von der IG Metall rückte anschließend die Rentenpolitik in den Mittelpunkt.
Die Gewerkschaften lehnen eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters ab. Aus ihrer Sicht wird bei solchen Überlegungen zu wenig berücksichtigt, wie unterschiedlich die Belastungen während eines Berufslebens sind.
Ein Beschäftigter, der jahrzehntelang körperlich schwere Arbeit geleistet oder im Schichtbetrieb gearbeitet habe, stehe am Ende seines Erwerbslebens vor anderen Voraussetzungen als jemand mit einer weniger körperlich belastenden Tätigkeit.
Gerade in einer industriell geprägten Region wie Schweinfurt sei diese Frage für viele Beschäftigte von unmittelbarer Bedeutung.
Die Gewerkschaften stellen deshalb die Frage, ob Menschen in körperlich anstrengenden Berufen tatsächlich immer länger arbeiten können, ohne dass dies gesundheitliche Folgen hat.
Altersteilzeit soll erhalten bleiben
Auch die Zukunft der Altersteilzeit beschäftigt die Arbeitnehmervertreter.
Insbesondere das sogenannte Blockmodell wird nach Darstellung der Gewerkschaften in vielen Betrieben genutzt. Dabei arbeiten Beschäftigte zunächst weiter und wechseln anschließend in eine Freistellungsphase.
Für ältere Arbeitnehmer könne dies eine Möglichkeit sein, nach einem langen Berufsleben einen geregelten Übergang in den Ruhestand zu schaffen. Die Gewerkschaften warnen deshalb davor, diese Möglichkeiten einzuschränken.
Statt das Renteneintrittsalter weiter anzuheben, fordert der DGB unter anderem eine Stabilisierung beziehungsweise Verbesserung des Rentenniveaus.
Darüber hinaus sprechen sich die Gewerkschaften für eine Erwerbstätigenversicherung aus. Die Idee dahinter: Die Finanzierung der Alterssicherung soll langfristig auf eine breitere Basis gestellt werden, indem weitere Berufsgruppen in ein gemeinsames System einbezogen werden.
Frank Firsching: Wer bezahlt Gesundheit und Pflege?
Frank Firsching vom DGB widmete sich bei der Pressekonferenz vor allem der Kranken- und Pflegeversicherung.
Auch hier stellen die Gewerkschaften nicht infrage, dass Reformen notwendig sind. Sie kritisieren vielmehr, dass steigende Kosten aus ihrer Sicht zu stark auf die Beitragszahler der gesetzlichen Sozialversicherungen verlagert werden.
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft sogenannte versicherungsfremde Leistungen.
Als Beispiel nannten die Gewerkschafter die Krankenversicherung von Menschen, die Bürgergeld beziehungsweise Grundsicherung beziehen. Nach Darstellung des DGB reichen die staatlichen Zahlungen an die gesetzlichen Krankenkassen nicht aus, um die tatsächlichen Kosten vollständig zu decken.
Die Differenz werde damit letztlich von den Beitragszahlern der gesetzlichen Krankenversicherung mitfinanziert. Der DGB fordert, solche gesamtgesellschaftlichen Aufgaben stärker aus Steuermitteln zu finanzieren.
Pflegeversicherung soll breiter finanziert werden
Ähnlich argumentieren die Gewerkschaften bei der Pflegeversicherung.
Angesichts einer alternden Gesellschaft und steigender Pflegekosten müsse über die Finanzierung gesprochen werden. Die Gewerkschaften wollen dabei jedoch verhindern, dass die zusätzlichen Belastungen vor allem bei Arbeitnehmern und gesetzlich Versicherten landen.
Stattdessen fordern sie eine breitere Finanzierungsbasis. Mehr Bevölkerungs- und Berufsgruppen sollen nach ihren Vorstellungen in die solidarische Finanzierung einbezogen werden.
Der Grundgedanke zieht sich durch nahezu alle Forderungen der Gewerkschaften: Die sozialen Sicherungssysteme sollen nicht geschwächt, sondern auf mehr Schultern verteilt werden.
Gewerkschaften wollen am 26. September auf die Straße
Die Kritik soll nicht bei Pressekonferenzen und politischen Forderungen bleiben.
Am 26. September 2026 ist in Nürnberg eine größere Kundgebung geplant. Auch aus der Region Schweinfurt-Main-Rhön wollen sich Gewerkschaftsmitglieder und Unterstützer auf den Weg machen.
Nach Angaben der Organisatoren werden dafür Busse aus Schweinfurt, den Haßbergen und der Rhön angeboten. Eine Anmeldung ist über den DGB möglich.
Die Teilnehmer aus der Region sollen gegen 11 Uhr in Nürnberg eintreffen. Anschließend ist ein Demonstrationszug zum Veranstaltungsort vorgesehen. Die eigentliche Kundgebung soll um 12 Uhr beginnen.
Als Rednerin ist unter anderem Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall, angekündigt.
Gegen 15 Uhr sollen sich die Busse wieder auf den Rückweg in Richtung Schweinfurt und Main-Rhön machen.
Reformen ja – aber nicht auf Kosten der Beschäftigten
Bei aller Kritik machten Firsching, Gehring und Schmidl deutlich, dass die Gewerkschaften Veränderungen nicht grundsätzlich blockieren wollen.
Die Herausforderungen bei Rente, Pflege und Krankenversicherung seien vorhanden. Ebenso veränderten Digitalisierung, demografische Entwicklung und wirtschaftlicher Wandel die Arbeitswelt.
Entscheidend sei aus Sicht der Arbeitnehmervertreter jedoch, wie die notwendigen Reformen gestaltet und finanziert werden.
Mehr Belastungen für Arbeitnehmer, längere Arbeitszeiten, ein späterer Renteneintritt und gleichzeitig steigende Sozialversicherungsbeiträge seien für die Gewerkschaften nicht der richtige Weg.
Mit der Kundgebung in Nürnberg wollen DGB und Mitgliedsgewerkschaften deshalb ein öffentliches Signal setzen. Die Botschaft aus der Schweinfurter Pressekonferenz lautet: Reformen sind notwendig – Sozialabbau und eine einseitige Belastung der Beschäftigten lehnen die Gewerkschaften jedoch ab.
Auf SW-N werben
Sie möchten Ihr Unternehmen, Ihre Veranstaltung oder Ihr Angebot auf SW-N präsentieren? Informationen zu den verschiedenen Werbemöglichkeiten finden Sie hier:
👉 Werbung auf SW-N buchen:
https://sw-n.de/werbung-buchen/
Kleinanzeigen & Traueranzeigen
Private und gewerbliche Kleinanzeigen sowie Traueranzeigen können über SW-N veröffentlicht werden:
👉 Kleinanzeigen & Trauer auf SW-N:
https://sw-n.de/kleinanzeigen-und-trauer/

Kommentare
Kommentar veröffentlichen
Vielen Dank für Ihre Nachricht . Das SW-N.TV Team