Mit dem Papi-Polo bis nach Albanien

 


Ein alter VW Polo, zwei Freunde und knapp 3.700 Kilometer Abenteuer: Bernd Schilling und Rainer Hörmann haben mit ihrem „Papi-Polo“ am Carbage Run teilgenommen. Acht Tage lang führte ihre Reise über Österreich und den Balkan bis nach Albanien – und wieder zurück.

Bernd ist 62 Jahre alt, Kfz-Meister und begeisterter Oldtimerfahrer. Sein Freund Rainer ist Pensionär und schon seit vielen Jahren eng mit dem Motorsport verbunden. Die beiden kennen sich bereits aus der Schulzeit. Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Reise hatte Bernd. Schon vor rund 20 Jahren hatte er von einem Ehepaar gehört, das mit einem alten Volvo von Paris nach Peking gefahren war. Eine solche Tour wollte er irgendwann ebenfalls unternehmen. Eine Fahrt durch Russland kam für ihn derzeit allerdings nicht infrage. Deshalb entschied er sich für den Carbage Run und fragte Rainer, ob er ihn begleiten wolle. Nach kurzer Bedenkzeit war auch der Feuer und Flamme.



Der Begriff „Carbage“ setzt sich aus den englischen Wörtern „Car“ für Auto und „Garbage“ für Abfall zusammen. Die teilnehmenden Fahrzeuge müssen mindestens 20 Jahre alt sein und dürfen einen Zeitwert von höchstens 1.000 Euro haben. Der Polo von Bernd und Rainer stammt aus dem Jahr 1995 und hatte zu Beginn der Reise rund 160.000 Kilometer auf dem Tacho.

Beim Carbage Run geht es nicht um Geschwindigkeit oder Bestzeiten. Das gemeinsame Ankommen, ungewöhnliche Erlebnisse und der Zusammenhalt unter den Teilnehmern stehen im Mittelpunkt. Insgesamt gingen rund 570 Fahrzeuge mit etwa 1.300 bis 1.400 Menschen an den Start. Neben deutschen Teams waren unter anderem Teilnehmer aus den Niederlanden, Dänemark und Schweden dabei.

Los ging es im österreichischen Spielberg, ganz in der Nähe der bekannten Formel-1-Rennstrecke. Schon der Start wurde für die beiden zu einem besonderen Erlebnis. Hunderte fantasievoll gestaltete Fahrzeuge, Musik, Hupkonzerte und rund 1.500 Menschen verwandelten den Campingplatz in ein großes, buntes Autotreffen.

Zu sehen gab es einiges: Ein alter Krankenwagen, der einst beim Transport der RAF-Terroristen in Stockholm eingesetzt worden sein soll, gehörte ebenso zum Teilnehmerfeld wie ein Van mit eingebauter Sauna. Ein anderes Team war als italienischer Eisverkäufer unterwegs und versorgte die ankommenden Fahrer am Abend mit Eis.

Die Route des nächsten Tages erfuhren die Teilnehmer jeweils erst am Morgen aus einem Roadbook. So führte die Fahrt durch mehrere Länder, über Küstenstraßen, durch Gebirge und bis nach Albanien. Zwischen sieben und neuneinhalb Stunden waren Bernd und Rainer täglich unterwegs.

Einer der Höhepunkte war der Besuch der berühmten Brücke von Mostar. Für Bernd stand dieser Ort schon lange auf seiner persönlichen Wunschliste. Als die Strecke in der Nähe der Stadt vorbeiführte, war für ihn klar, dass ein Abstecher sein musste. Auch die Stadtmauer von Dubrovnik wollte er unbedingt sehen. Weil kein Parkplatz zu finden war, folgten die beiden kurzerhand einem Polizeifahrzeug durch eine Einbahnstraße. Rainer war zunächst etwas nervös, doch Bernd wollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Unvergesslich blieb auch eine Irrfahrt im Gebirge oberhalb von Tirana. Das Navi half nicht mehr weiter und die beiden hatten sich gründlich verfahren. Schließlich trafen sie auf einen Kuhhirten, der zwar kein Englisch sprach, aber einen Bekannten holte, der sich mit einigen englischen Worten verständigen konnte. Gemeinsam zeigten sie den Reisenden den richtigen Weg.

Gerade die Hilfsbereitschaft der Menschen hat Bernd und Rainer beeindruckt. Sobald jemand bemerkte, dass sie nicht weiterkamen oder Unterstützung brauchten, war schnell Hilfe zur Stelle. Diese Erfahrung machten sie auch unter den anderen Teilnehmern. Bei einer Panne dauerte es keine zehn Minuten, bis ein anderes Team anhielt.

Eine besondere Aufgabe hatten die beiden ebenfalls im Gepäck. Ihr Team nannte sich „Statler und Waldorf“, nach den beiden älteren Herren aus der Muppet Show. Passend dazu nahmen sie einen Rollstuhl mit, den sie unterwegs einem Pflegeheim schenken wollten. In Risan fragten sie während einer Kaffeepause nach einer geeigneten Einrichtung. Ein Einheimischer setzte sich spontan in sein Auto und führte sie zu einem Pflegeheim in den Bergen. Dort wurden die beiden von der Heimleitung herzlich empfangen. Die Freude über den Rollstuhl war groß.

Ganz ohne technische Schwierigkeiten verlief die Reise allerdings nicht. Nach eineinhalb Stunden Stop-and-Go bei 38 Grad lösten sich einige Kunststoffteile der mittlerweile mehr als 30 Jahre alten Schaltung auf. Der Polo verlor zunächst den fünften Gang und den Rückwärtsgang. Bernd legte sich am Straßenrand unter das Auto und führte eine Notreparatur durch. Ein anderer Teilnehmer hielt sofort an und half mit passenden Teilen aus.

Mit einer Red-Bull-Dose, Panzertape und einem Stück Benzinschlauch brachte Bernd den Rückwärtsgang wieder zum Laufen. Nur der fünfte Gang blieb verschwunden. Rainer verpasste seinem Freund daraufhin den Spitznamen „MacGyver-Bernd“. Die restliche Strecke wurde einfach im vierten Gang bewältigt. Das brauchte zwar etwas mehr Benzin, stellte den Polo aber vor keine größeren Probleme.

Auch an den Grenzübergängen war Geduld gefragt. In Montenegro und Albanien mussten die Teilnehmer teilweise ein bis zwei Stunden warten. Wenn fast 600 auffällig gestaltete Autos auf einmal an einer Grenze erscheinen, ist schließlich einiges los. Bernd und Rainer selbst machten dabei keine negativen Erfahrungen.

Besonders beeindruckt zeigten sie sich von Albanien. Abseits der Küste erlebten sie ursprüngliche Landschaften, kleine Dörfer und offene, herzliche Menschen. Gleichzeitig beobachteten sie, dass auch dort immer mehr große Hotelanlagen entstehen. Für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes seien diese Einnahmen verständlicherweise wichtig. Dennoch fürchten die beiden, dass dadurch ein Teil der ursprünglichen Landschaft verloren gehen könnte.

Nach acht Tagen und insgesamt 3.691 Kilometern brachte der alte Polo seine beiden Fahrer sicher wieder nach Hause. Für Bernd und Rainer bleiben vor allem die Begegnungen mit den Menschen, die Gemeinschaft der Teilnehmer und die Fahrten entlang der Küste in den Sonnenuntergang unvergessen.

Ihr Fazit fällt entsprechend eindeutig aus: Man muss die eigene Komfortzone auch einmal verlassen und einfach losfahren. Wer anderen offen und freundlich begegnet, bekommt diese Freundlichkeit meistens zurück.

Für Bernd steht deshalb schon fest, dass dies nicht seine letzte Tour gewesen sein soll. Im kommenden Jahr könnte es entweder nach Helsinki oder durch 15 europäische Staaten gehen. Ob Rainer wieder mitfährt, ist noch nicht endgültig entschieden. Bis dahin bleibt zumindest genügend Zeit, den fünften Gang des Papi-Polos zu reparieren.

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