Videoüberwachung wird bis März 2027 verlängert – Polizei meldet weniger Diebstähle und Drogendelikte – Szene offenbar Richtung Zeughaus ausgewichen
Schweinfurt. SW-N-TV war beim Pressetermin in der Hadergasse vor Ort und hat die Stellungnahmen der Verantwortlichen mit der Kamera aufgezeichnet. Bayerns Innenstaatssekretär Sandro Kirchner, Oberbürgermeister Ralf Hofmann und Holger Baumbach, Vizepräsident des Polizeipräsidiums Unterfranken, zogen dabei eine positive Zwischenbilanz.
Ihre Botschaft: Die Videoüberwachung wirke, die Sicherheitslage habe sich verbessert und Anwohner sowie Beschäftigte fühlten sich wieder sicherer.
Der große Kameraturm bleibt deshalb stehen. Die zunächst auf sechs Monate begrenzte Videoüberwachung in der Hadergasse und Wolfsgasse wird um ein weiteres halbes Jahr bis März 2027 verlängert.
Doch die bei dem Termin aufgezeichneten Aussagen zeigen auch: Das Problem ist möglicherweise nicht verschwunden. Nach Angaben der Verantwortlichen gibt es erste Hinweise darauf, dass sich Teile der Szene in Richtung Zeughaus und Bauerngasse verlagert haben.
Weniger Diebstähle und keine festgestellten Drogendelikte
Innenstaatssekretär Sandro Kirchner erinnerte vor laufender Kamera an die Situation vor der Aufstellung der mobilen Videoanlage. Anwohner und Geschäftsleute hätten von offenem Drogenhandel, Streitigkeiten, Diebstählen und einem zunehmenden Unsicherheitsgefühl berichtet.
Die Polizei reagierte mit verstärkter Präsenz, Kontrollen und verdeckten Ermittlungen. Unterstützt wurde sie unter anderem durch die Bereitschaftspolizei aus Würzburg, den kommunalen Ordnungsdienst, die Sicherheitswacht und die sogenannten „Blauen Mützen“. Hinzu kam eine Alkohol-, Messer- und Drogenverbotszone.
Als diese Maßnahmen nach Einschätzung der Verantwortlichen nicht ausreichten, wurde die Videoüberwachung eingerichtet. Sie soll Straftaten verhindern, die Identifizierung von Tatverdächtigen erleichtern und ein schnelleres Eingreifen der Polizei ermöglichen.
Die beim Pressetermin genannten Zahlen scheinen den Erfolg zunächst zu bestätigen. In der Hadergasse sank die Zahl der erfassten Diebstähle von 16 Fällen im Jahr 2024 über 23 Fälle im Jahr 2025 auf vier Fälle im Vergleichszeitraum 2026.
In der Wolfsgasse wurde für 2024 von vier Fällen gesprochen. Für die Jahre 2025 und 2026 wurde jeweils ein Fall genannt.
Besonders deutlich fiel die Entwicklung bei der Rauschgiftkriminalität aus. In der Hadergasse wurden nach den vorgestellten Zahlen 2024 zwei, 2025 insgesamt 20 und 2026 bislang keine entsprechenden Delikte registriert. In der Wolfsgasse waren es sieben Fälle im Jahr 2024, acht im Jahr 2025 und ebenfalls kein Fall im Jahr 2026.
Bei den Körperverletzungen ergibt sich dagegen ein uneinheitlicheres Bild. In der Hadergasse entwickelten sich die Zahlen von zwei über neun zurück auf zwei Fälle. In der Wolfsgasse stiegen sie von drei auf fünf und schließlich sieben Fälle.
Kirchner erklärte den Anstieg unter anderem mit den verbesserten Möglichkeiten zur Aufklärung. Durch die Kameraaufnahmen könnten Straftaten erkannt und Tatverdächtige überführt werden. Vor der Einrichtung der Videoüberwachung seien Vorfälle möglicherweise gemeldet worden, hätten aber mangels Beweisen nicht aufgeklärt werden können.
Für eine abschließende Bewertung müssten allerdings die genauen Vergleichszeiträume und die jeweilige Kontrollintensität berücksichtigt werden. Mehr Kontrollen können schließlich auch dazu führen, dass mehr Delikte festgestellt werden. Umgekehrt bedeutet eine Zahl von null nicht zwangsläufig, dass überhaupt keine Drogengeschäfte mehr stattfinden.
Anwohner und Geschäftsleute fühlen sich sicherer
Kirchner berief sich neben der Statistik auf persönliche Rückmeldungen aus der Hadergasse. Ein ihm bekannter Anwohner habe ihn in der Vergangenheit wiederholt kontaktiert und Bildmaterial zur Verfügung gestellt. Inzwischen beschreibe dieser Anwohner die Lage als deutlich ruhiger.
Auch Geschäftsleute hätten berichtet, dass sich ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Abend wieder trauten, durch den Bereich zu laufen oder zum Parkhaus zu gehen. Die Verantwortlichen sehen darin eine Bestätigung für das gemeinsame Sicherheitskonzept.
Holger Baumbach, Vizepräsident des Polizeipräsidiums Unterfranken, sprach ebenfalls von bereits erkennbaren objektiven Erfolgen. Gleichzeitig betonte er die Einhaltung der datenschutzrechtlichen Vorgaben.
Obwohl nach seiner Darstellung eine Speicherdauer von bis zu drei Monaten möglich wäre, würden die Aufzeichnungen bereits nach wenigen Wochen gelöscht. Die Polizei bewege sich damit bei der Speicherung in einem engeren Rahmen, als es gesetzlich zulässig wäre.
Baumbach bedankte sich zudem bei der Bayerischen Staatsregierung. Durch die landesweite Beschaffung entsprechender Einsatzmittel habe das Polizeipräsidium Unterfranken die mobile Anlage für Schweinfurt nutzen können.
Hofmann: Videoüberwachung inzwischen notwendig
Oberbürgermeister Ralf Hofmann bedankte sich bei der Polizei und den weiteren beteiligten Stellen für die intensive Zusammenarbeit. Die Stadt stehe in einem engen Austausch mit der Polizeiinspektion, dem kommunalen Ordnungsdienst und der Justiz.
Hofmann räumte ein, dass er noch vor einigen Jahren nicht gedacht hätte, sich einmal für eine Videoüberwachung auszusprechen. Inzwischen müsse man jedoch anerkennen, dass bestimmte Entwicklungen solche Maßnahmen notwendig machten.
Der Oberbürgermeister verwies dabei auch auf Probleme im Zusammenhang mit Bewohnern des Ankerzentrums. Gleichzeitig betonte er, dass die Verantwortlichen von Anfang an mit einer möglichen Verdrängung der Szene gerechnet hätten.
Die Stadt werde deshalb gemeinsam mit der Polizei auch an anderen Stellen reagieren. Ziel sei es, dass die Schweinfurter Innenstadt für ihre Bewohner und Besucher sicher und mit einer hohen Aufenthaltsqualität verbunden bleibe.
Hofmann hob außerdem die Zusammenarbeit mit dem Amtsgericht hervor. Es sei nicht nur wichtig, schnell einzugreifen, sondern festgestellte Straftaten auch rasch einer gerichtlichen Entscheidung zuzuführen.
Problem gelöst oder nur verschoben?
Die Verantwortlichen räumten bei dem von SW-N-TV begleiteten Pressetermin selbst ein, dass Videoüberwachung eine Szene verdrängen kann.
Nach Rückmeldungen aus der Bevölkerung seien inzwischen Veränderungen rund um das Zeughaus und in der Bauerngasse zu beobachten. Die Polizei habe diese Entwicklung bereits „auf dem Radar“, erklärte Kirchner.
Schon in der zurückliegenden Woche hätten dort Präsenz- und Kontaktmaßnahmen stattgefunden. Auch verdeckte polizeiliche Maßnahmen seien vorgesehen, um die Lage einzuschätzen und über weitere Schritte zu entscheiden.
Damit stellt sich allerdings eine entscheidende Frage: Ist die Situation tatsächlich dauerhaft verbessert worden – oder hat man das Problem lediglich um einige Straßenecken verschoben?
Am Zeughaus gibt es bislang keine vergleichbare Kameraanlage. Gleichzeitig befindet sich dort ein Familienstützpunkt. Gerade deshalb darf die Entwicklung nicht kleingeredet werden. Wenn sich der offene Drogenhandel und die damit verbundenen Konflikte tatsächlich dorthin verlagern, braucht es rasch ein nachvollziehbares Sicherheitskonzept.
Kommentar von Sandra Grätsch: Der Kameraturm allein löst das Problem nicht
Natürlich ist es eine gute Nachricht, wenn sich Anwohner wieder sicherer fühlen, Beschäftigte am Abend ohne Angst zum Parkhaus gehen können und der offene Drogenhandel aus der Hadergasse verschwunden ist. Niemand sollte Zustände hinnehmen müssen, durch die Straßen und Plätze praktisch nicht mehr von allen Bürgern genutzt werden können.
Trotzdem bleibt bei diesem Pressetermin für mich ein Geschmäckle.
Bewegung kam in die Angelegenheit offenbar auch durch Beschwerden, Fotos und weiteres Material aus der Anwohnerschaft. Staatssekretär Sandro Kirchner berichtete vor meiner Kamera selbst von einem ihm persönlich bekannten Anwohner, der ihn wiederholt kontaktiert und Bildmaterial zur Verfügung gestellt habe.
Das wirft Fragen auf: Braucht es persönliche Kontakte in die Politik, damit Beschwerden ernst genommen werden? Was geschieht mit den Menschen am Zeughaus, wenn sie keine entsprechend einflussreichen Ansprechpartner haben? Und warum sollte die Überwachung an einem Ort als Erfolg gelten, wenn dieselbe Szene wenige Straßen weiter wieder auftaucht?
Der Kameraturm ist groß, unübersehbar und alles andere als eine Verschönerung des Stadtbildes. Gleichzeitig bleibt zu fragen, ob eine solch auffällige Anlage technisch wirklich die einzige Möglichkeit ist. Am Roßmarkt gibt es schließlich ebenfalls Kameras, ohne dass dort ein derartiger Überwachungsturm das Straßenbild prägt.
Noch grundsätzlicher geht es um unsere Bürgerrechte. Videoüberwachung darf nicht zur bequemen Standardantwort auf jedes gesellschaftliche Problem werden. Wer sich gesetzestreu verhält, gerät trotzdem in den Blick der Kameras. Deshalb müssen Zweck, Dauer, Speicherung und Zugriff klar begrenzt und öffentlich kontrollierbar sein.
Vor allem aber muss das Problem an seiner Wurzel angegangen werden. Dazu gehören konsequente Polizeiarbeit, schnelle Gerichtsverfahren, Drogenprävention, soziale Arbeit und klare aufenthaltsrechtliche Konsequenzen für ausländische Straftäter, sofern die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind.
Wer kein Aufenthaltsrecht besitzt oder schwere Straftaten begeht, muss nach einem rechtsstaatlichen Verfahren konsequent zurückgeführt werden. Eine pauschale Vorverurteilung darf es dabei ebenso wenig geben wie ein Wegsehen bei nachgewiesenen Straftaten.
Nur die Kamera von einem Platz zum nächsten zu versetzen, kann jedenfalls keine dauerhafte Lösung sein. Sonst wird zwar die Statistik in der Hadergasse besser – das Problem für Schweinfurt bleibt aber bestehen.
Sandra Grätsch – meine Meinung

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