Glosse: Kassenpatient „Bitte einmal nicht umfallen bis Q4 dieses Jahr“

 


Ich habe also eine Überweisung von meiner Hausärztin. HNO. Schweinfurt. Kassenpatient.

Schon drei Wörter, bei denen man innerlich automatisch nach einer Sitzgelegenheit sucht.

Der Anlass: Gleichgewichtsstörungen.
Nicht dieses romantische „Oh, mir ist ein bisschen schwindelig“, sondern eher das handfeste „Der Türrahmen kommt mir schon wieder zu nah“. Also dachte ich mir: Ruf doch mal bei dem HNO-Arzt an, bei dem du früher warst. Früher, das ist in medizinischen Zeitrechnungen ungefähr die Ära zwischen Pockenimpfung und Faxgerät.

Ich rufe an.

Eine freundliche weibliche Stimme (also: neutral freundlich im Rahmen des deutschen Gesundheitswesens) meldet sich und fragt nach Name und Geburtsdatum. Ich liefere. Es klappert hörbar im System, vermutlich ein Windows-95-Rechner mit moralischer Erschöpfung.

Dann die Diagnose noch vor der Diagnose:

„Also… Termine hätten wir erst wieder in einem Dreivierteljahr.“

Dreivierteljahr.
Ich mache eine kurze innere Bestandsaufnahme: Puls? Ja. Gleichgewicht? Nein. Humor? Gerade noch.

Also sage ich – nicht sprachfaul, aber mit einem kleinen Scherz auf der Zunge:
„Na, hoffentlich lebe ich da noch.“

Kurze Pause.

Dann, vom anderen Ende, barsch wie ein EKG ohne Kurve:
„Ich kann auch morgen tot sein! Was haben Sie denn?“

Ich (leicht überrascht, dass wir jetzt existenziell diskutieren):
„Gleichgewichtsstörungen.“

Sie:
„Gleichgewichtsstörungen? Das haben wir ja bei Ihnen schon öfter gemacht. Wie oft sollen wir das noch machen? Rufen Sie an, wenn Sie wieder einen Termin brauchen.“

Klick.

Ich sitze da.
Mit Überweisung.
Mit Schwindel.
Und mit der leisen Frage: War ich in den letzten fünf Jahren schlafwandelnd mehrfach beim HNO? Habe ich nächtliche Kontrolluntersuchungen im REM-Schlaf absolviert? Gibt es eine Parallelversion von mir, die regelmäßig vestibulär vorstellig wird?

Wo saugt diese Helferin die Luft an?
Und vor allem: Saugt sie sie auch wieder zurück?

Ich schwöre: Ich war die letzten fünf Jahre bei keinem HNO-Arzt.
Aber laut Praxis offenbar Stammgast.

Vielleicht bekomme ich den Termin ja doch noch früher – posthum.



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