Satire - Der Teufel trägt einen Heiligenschein

 


Achtung Satire 

Es gibt Menschen, die brauchen Freunde. Andere brauchen Bewunderer. Und dann gibt es Michael.

Nennen wir ihn Michael. Natürlich rein zufällig. Diese Geschichte ist Satire. Ähnlichkeiten mit lebenden, streitenden, klagenden oder gerade einen Anwalt anrufenden Personen wären selbstverständlich nichts weiter als eine boshafte Laune des Universums.

Michael jedenfalls hält sich für einen Erzengel. Das ist praktisch, denn Erzengel müssen sich nicht irren. Sie verkünden Wahrheiten. Und Michael besitzt davon besonders viele. Genau genommen besitzt er die Wahrheit. Allein. Exklusiv. Mit Monopol und eingebautem Widerspruchsverbot.

Widerspruch ist bei Michael ohnehin eine schwierige Sache. Man darf ihm widersprechen, selbstverständlich. Wir leben schließlich in einer freien Gesellschaft. Man sollte danach nur Zeit haben. Für Diskussionen. Für Rechtfertigungen. Für öffentliche Erklärungen. Und möglicherweise für die Lektüre längerer Schreiben mit Aktenzeichen.

Denn Michael ist ein friedlicher Mensch.

So friedlich, dass er seine Konflikte gern professionell verwalten lässt.

Freundschaft bedeutet bei ihm deshalb nicht unbedingt, dass man vor ihm sicher ist. Auch langjährige Weggefährten können eines Morgens feststellen, dass aus der gemeinsamen Vergangenheit inzwischen eine Beweismittelsammlung geworden ist. Gestern saß man noch gemeinsam beim Kaffee, heute fragt man sich, ob der Satz „Schönes Wetter heute“ womöglich bereits eine ehrverletzende Tatsachenbehauptung war.

Michael vergisst nämlich nichts.

Vor allem nicht, wenn jemand anderer Meinung war.

Dann verwandelt sich der Erzengel in eine bemerkenswerte Figur: Er wird gleichzeitig Ankläger, Verteidiger, Geschädigter, Chronist und moralische Berufungsinstanz. Nur für die Rolle des Schuldigen findet sich in seinem Ensemble grundsätzlich jemand anderes.

Das ist Michaels größte Begabung.

Wo andere einen Streit sehen, sieht er eine Verschwörung.

Wo andere Kritik hören, erkennt er einen Vernichtungsfeldzug.

Wo jemand sagt: „Michael, vielleicht irrst du dich“, hört Michael: „Wir haben beschlossen, dich gesellschaftlich auszulöschen.“

Und schon breitet der Erzengel seine Flügel aus und ruft:

„Seht ihr! Sie greifen mich an!“

Das Erstaunliche daran: Michael kann ausgesprochen freundlich sein.

Sehr freundlich sogar.

Seine Stimme wird weich, sein Lächeln verbindlich, seine Umgangsformen tadellos – jedenfalls solange du etwas besitzt, das er gebrauchen kann: Informationen, Einfluss, Zustimmung, Kontakte oder schlicht deine öffentliche Ruhe.

Dann ist Michael Charme auf zwei Beinen.

Aber wehe, du verlässt den Pfad seiner Wahrheit.

Dann fällt nicht unbedingt die Maske. Nein, das wäre viel zu dramatisch. Sie verrutscht nur ein kleines bisschen.

Und plötzlich beginnt es zu schreiben.

Artikel.

Kommentare.

Andeutungen.

Posts.

Noch ein Post.

Ein geteilter Post über den ersten Post.

Und irgendwo zwischen Facebook, X, irgendeinem Blog und dem digitalen Dorfbrunnen entsteht langsam ein neues Bild von dir.

Du selbst erkennst dich darin kaum wieder.

Andere dafür umso besser.

Denn Michaels Feder ist ein bemerkenswertes Instrument. Sie schreibt niemals aus Rache. Niemals! Sie dient ausschließlich der Aufklärung, der Wahrheit, der Gerechtigkeit und selbstverständlich der Verteidigung eines unschuldig verfolgten Erzengels.

Dass nach dieser Verteidigung manchmal andere aussehen, als hätten sie nachts die Bundesbank ausgeraubt und anschließend einem Waisenhaus die Heizung abgestellt, ist reiner Zufall.

Michael bleibt das Opfer.

Immer.

Das ist wichtig.

Selbst wenn er angreift, verteidigt er sich.

Selbst wenn er austeilt, wurde er vorher provoziert.

Selbst wenn er jemanden öffentlich zerlegt, geschieht dies bedauerlicherweise nur deshalb, weil dieser Mensch Michael praktisch dazu gezwungen hat.

Man könnte sagen: Michael ist der einzige bekannte Erzengel, dessen Schwert grundsätzlich von anderen geführt wird, obwohl nur er es in der Hand hält.

Und die Menschen um ihn herum?

Sie werden vorsichtig.

Manche schweigen.

Manche nicken.

Manche entdecken plötzlich, dass sie zu Michaels Ansichten schon immer eine erstaunliche geistige Nähe verspürt haben.

Nicht unbedingt aus Überzeugung.

Aber Frieden ist schließlich auch ein Wert.

Und wer möchte schon eines Morgens seinen Namen in einem Text entdecken, dessen Überschrift ungefähr lautet:

„Die unglaubliche Wahrheit über einen Menschen, dem ich leider viel zu lange vertraut habe“?

Ich kenne Michael.

Deshalb halte ich Abstand.

Nicht aus Angst natürlich.

Aus… sagen wir: ausgeprägtem Interesse an einem ruhigen Tagesablauf.

Aber keine Sorge, liebe Leserinnen und Leser: Michael existiert nicht.

Das hier ist Satire.

Eine erfundene Figur.

Ein literarischer Teufel mit Engelsflügeln, freundlichem Lächeln und einem erstaunlich gut gefüllten Ordner für offene Rechnungen.

Solltet ihr trotzdem zufällig jemanden kennen, der stets die Wahrheit besitzt, niemals schuld ist, jeden Kritiker zum Feind erklärt, ehemalige Freunde vor Gericht wiedersieht und anschließend öffentlich beklagt, wie grausam die Welt mit ihm umgeht – dann handelt es sich selbstverständlich ebenfalls nur um Zufall.

Trotzdem ein kleiner Rat:

Seid freundlich.

Seid höflich.

Und wenn er euch fragt, was ihr von ihm haltet:

Sagt einfach, ihr müsst dringend weg.

Sehr dringend.

Denn vor dem Teufel mit Hörnern kann man davonlaufen.

Schwieriger wird es beim Teufel mit Heiligenschein.

Der hält sich nämlich für den Erzengel Michael.

Satiresong





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