Drohnen über kritischer Infrastruktur: Wie sicher ist das Zwischenlager Grafenrheinfeld?

 


Grafenrheinfeld – Der Fund einer mit Sprengstoff und Zünder ausgestatteten Drohne am Flughafen Leipzig/Halle hat die Diskussion über den Schutz kritischer Infrastruktur neu entfacht. Auch in der Region Schweinfurt stellt sich damit eine Frage, die lange eher theoretisch erschien: Wie gut sind das Brennelemente-Zwischenlager am ehemaligen Kernkraftwerk Grafenrheinfeld und die wichtigen Anlagen des Stromnetzes gegen Drohnenangriffe geschützt? Und könnte bei einem Angriff Radioaktivität freigesetzt werden?

Die Bilder und Berichte aus Leipzig sorgen für Aufmerksamkeit. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach nach dem Vorfall von einer neuen Qualität der Bedrohung durch Drohnen. Wer hinter dem Fluggerät steckt und welches Ziel damit verfolgt wurde, ist bislang nicht abschließend geklärt.

Für die Region Schweinfurt bekommt die Diskussion eine besondere Bedeutung. Denn Grafenrheinfeld ist zwar seit Jahren kein produzierendes Kernkraftwerk mehr, sicherheitspolitisch bedeutungslos ist der Standort deshalb jedoch keineswegs.

Auf dem Gelände befindet sich weiterhin das Brennelemente-Zwischenlager. Dort lagern in massiven CASTOR-Behältern hochradioaktive abgebrannte Brennelemente des früheren Kernkraftwerks. Betreiber des Zwischenlagers ist inzwischen die bundeseigene Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ).

Keine Atomexplosion möglich

Eine wichtige Unterscheidung vorweg: Ein CASTOR-Behälter kann nicht wie eine Atombombe explodieren. Auch eine Explosion von außen würde keine nukleare Kettenreaktion wie bei einer Kernwaffe auslösen.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob ein Angriff einen Behälter so schwer beschädigen könnte, dass radioaktive Stoffe aus seinem Inneren freigesetzt werden.

CASTOR-Behälter sind für extreme mechanische und thermische Belastungen konstruiert. Das Gebäude des Zwischenlagers bildet eine zusätzliche Schutzebene. Der eigentliche sichere Einschluss des radioaktiven Materials erfolgt jedoch durch die Transport- und Lagerbehälter selbst.

Damit unterscheidet sich die Situation grundlegend von einem laufenden Kernreaktor.

Stromausfall bedeutet nicht Kernschmelze

Auch ein längerer Ausfall der externen Stromversorgung hätte im Zwischenlager nicht die gleichen Folgen wie bei einem laufenden Atomkraftwerk.

Die Brennelemente werden trocken gelagert. Ihre weiterhin entstehende Restwärme wird passiv abgeführt. Dafür sind keine permanent arbeitenden elektrischen Kühlpumpen erforderlich.

Ein Stromausfall am Standort würde deshalb nicht automatisch zu einer Überhitzung oder gar einer Kernschmelze führen.

Das ist für die Einschätzung möglicher Angriffe auf die Stromversorgung in der Region ein entscheidender Punkt.

Kann eine Drohne einen CASTOR zerstören?

Eine eindeutige öffentliche Antwort darauf gibt es nicht.

Deutsche Zwischenlager müssen nicht nur gegen technische Störungen und Unfälle, sondern auch gegen sogenannte „Einwirkungen Dritter“ geschützt werden. Dazu zählen vorsätzlich herbeigeführte Ereignisse und terroristische Szenarien.

Welche Angriffsszenarien dabei konkret zugrunde gelegt werden und mit welchen technischen sowie personellen Maßnahmen das Zwischenlager Grafenrheinfeld geschützt wird, ist allerdings nicht öffentlich bekannt.

Das hat einen nachvollziehbaren Grund: Eine detaillierte Veröffentlichung von Abwehrmaßnahmen könnte möglichen Angreifern zugleich Informationen über Schwachstellen liefern.

Deshalb lässt sich öffentlich auch nicht seriös behaupten, das Zwischenlager halte jedem denkbaren Angriff moderner bewaffneter Drohnen stand.

Umgekehrt wäre es ebenso falsch anzunehmen, bereits der Einschlag einer einzelnen Sprengstoffdrohne führe zwangsläufig zur Freisetzung großer Mengen radioaktiver Stoffe.

Damit Radioaktivität aus den Brennelementen in die Umgebung gelangen könnte, müsste der mehrstufige Einschluss erheblich beschädigt werden. Selbst eine Beschädigung der Lagerhalle wäre daher nicht automatisch mit einer Beschädigung der CASTOR-Behälter gleichzusetzen.

Ein Szenario wie bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist mit einem Zwischenlager zudem nicht vergleichbar. In Grafenrheinfeld gibt es keinen laufenden Reaktor mehr.

Grafenrheinfeld bleibt wichtiger Standort für das Stromnetz

Neben dem Zwischenlager spielt die Region Grafenrheinfeld/Bergrheinfeld auch für die deutsche Stromversorgung eine wichtige Rolle.

Hier treffen Höchstspannungsleitungen zusammen. Mit dem Umbau der Energienetze und neuen Nord-Süd-Verbindungen nimmt die Bedeutung der Region als Netzknoten teilweise sogar weiter zu.

Ein gezielter Angriff auf Umspannwerke oder andere Anlagen könnte deshalb durchaus Auswirkungen auf die Stromversorgung haben.

Allerdings ist das deutsche und europäische Verbundnetz grundsätzlich darauf ausgelegt, den Ausfall einzelner Leitungen oder Betriebsmittel abzufangen. Wie widerstandsfähig ein konkreter Standort gegenüber einem koordinierten Angriff wäre, gehört wiederum zu den sicherheitsrelevanten Informationen, die nicht vollständig öffentlich zugänglich sind.

Die Drohnenfrage ist inzwischen auch in Grafenrheinfeld angekommen

Neu ist die Diskussion in der Region nicht.

Bereits im Mai 2026 beschäftigte sich die „Main-Post“ ausdrücklich mit der Frage, wie gefährlich Drohnenangriffe auf das Atom-Zwischenlager Grafenrheinfeld sein könnten. Der aktuelle Vorfall in Leipzig verleiht dieser Diskussion nun zusätzliche Aktualität.

Denn Drohnen haben sich technisch stark verändert. Sie können größere Entfernungen überwinden, Nutzlasten tragen und vergleichsweise präzise gesteuert werden. Erfahrungen aus dem Krieg gegen die Ukraine zeigen zudem, welche Schäden selbst relativ einfache Drohnensysteme an Energieanlagen und anderer kritischer Infrastruktur verursachen können.

Damit verändert sich auch das Bedrohungsbild in Deutschland.

Kein Anlass für Panik – aber berechtigte Fragen

Für die Bevölkerung rund um Grafenrheinfeld besteht nach derzeit öffentlich bekannten Informationen kein Anlass, von einer unmittelbar drohenden radiologischen Gefahr auszugehen.

Das Zwischenlager ist gerade so konzipiert, dass der sichere Einschluss der radioaktiven Stoffe nicht von einer ständig funktionierenden Stromversorgung abhängt. Zwischen einem beschädigten Gebäude und einer tatsächlichen Freisetzung von Radioaktivität liegen zudem mehrere Sicherheitsbarrieren.

Eine absolute Sicherheit kann jedoch niemand garantieren.

Der Leipziger Drohnenfund zeigt vielmehr, dass Szenarien, die noch vor wenigen Jahren exotisch erschienen, heute Bestandteil der Sicherheitsplanung kritischer Infrastruktur sein müssen.

Für Grafenrheinfeld bleibt deshalb eine entscheidende Frage, die öffentlich nur begrenzt beantwortet werden kann:

Sind die bestehenden Schutzkonzepte nicht nur gegen die Bedrohungen von gestern, sondern auch gegen die deutlich leistungsfähigeren Drohnensysteme von heute ausgelegt?

Genau an diesem Punkt treffen berechtigtes Sicherheitsinteresse der Bevölkerung und notwendige Geheimhaltung der konkreten Schutzmaßnahmen aufeinander.

SW-N-TV wird die weitere Entwicklung und mögliche Stellungnahmen der zuständigen Behörden und Betreiber verfolgen.



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