Kritik an neuem WhatsApp-Kanal der Stadt Schweinfurt: "Kommunale PR verdrängt unabhängigen Journalismus"
Schweinfurt. Mit einem offiziellen WhatsApp-Kanal will die Stadt Schweinfurt ihre Bürger künftig noch schneller über Neuigkeiten aus dem Rathaus informieren. Baustellen, Veranstaltungen, Verkehrsmeldungen und aktuelle Entwicklungen sollen kostenlos und direkt auf das Smartphone der Abonnenten gelangen. Die Stadt spricht von einem zusätzlichen Informationsangebot.
Doch der neue Kommunikationskanal stößt auch auf Kritik.
Kritiker sehen in der zunehmenden Präsenz von Kommunen in den sozialen Medien eine Entwicklung, die weit über reine Bürgerinformation hinausgeht. Sie befürchten, dass Städte und Gemeinden immer stärker zu eigenen Medienanbietern werden – finanziert aus Steuergeldern.
Gerade in Schweinfurt sorgt das für Diskussionen. Die Stadt befindet sich in einer angespannten Haushaltslage und verweist selbst immer wieder auf ihre schwierige finanzielle Situation. Vor diesem Hintergrund wird die Frage gestellt, ob zusätzliche Ressourcen für Social-Media-Angebote und neue Kommunikationskanäle derzeit die richtige Priorität sind.
Nach Ansicht von Kritikern wäre das Geld an anderer Stelle besser investiert – etwa in die Sanierung von Schulen, die Unterstützung von Vereinen oder andere kommunale Pflichtaufgaben.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Rolle des unabhängigen Journalismus. Während regionale Zeitungen seit Jahren mit sinkenden Auflagen, steigenden Kosten und rückläufigen Werbeeinnahmen kämpfen, bauen viele Kommunen ihre eigenen Informationskanäle kontinuierlich aus. Bürger erhalten Pressemitteilungen, Bilder und Videos inzwischen direkt über Facebook, Instagram oder WhatsApp – ohne den Umweg über unabhängige Medien.
Kritiker warnen davor, dass dadurch die Bedeutung des Lokaljournalismus weiter geschwächt werden könnte. Denn kommunale Kanäle berichteten naturgemäß aus Sicht der Verwaltung. Kritische Einordnung, kontroverse Debatten oder die Perspektive politischer Gegner seien dort kaum zu finden.
Befürworter der neuen Angebote halten dagegen, dass sich das Informationsverhalten der Bevölkerung verändert habe. Viele Menschen nutzten soziale Netzwerke und Messenger-Dienste als wichtigste Nachrichtenquelle. Kommunen müssten ihre Bürger deshalb dort erreichen, wo diese unterwegs seien. Der WhatsApp-Kanal sei lediglich ein zusätzlicher Service und ersetze keine unabhängige Berichterstattung.
Die Diskussion reicht inzwischen über Schweinfurt hinaus. Immer mehr Städte und Gemeinden investieren in Social-Media-Teams, produzieren Videos und Reels und bauen ihre digitale Öffentlichkeitsarbeit aus. Kritiker sehen darin eine Konkurrenz für den Lokaljournalismus. Befürworter sprechen dagegen von zeitgemäßer Bürgerkommunikation.
Mit dem neuen WhatsApp-Kanal reiht sich nun auch die Stadt Schweinfurt in diese Entwicklung ein. Ob damit tatsächlich nur ein zusätzlicher Informationsservice geschaffen wird oder sich Kommunen zunehmend zu eigenen Medienhäusern entwickeln, dürfte die Diskussion über die Rolle staatlicher Öffentlichkeitsarbeit weiter anheizen.
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Kommentar
WhatsApp statt Zeitung? Wenn Rathäuser zu Medienhäusern werden
Die Stadt Schweinfurt hat ein Finanzproblem. Das sagt sie selbst. Es fehlt Geld für Pflichtaufgaben, Investitionen werden verschoben, überall wird gespart. Gleichzeitig baut die Stadt ihre eigene Medienwelt immer weiter aus. Nach Facebook und Instagram folgt nun der offizielle WhatsApp-Kanal.
Die Frage drängt sich auf: Ist das wirklich die Aufgabe einer Kommune?
Natürlich müssen Bürger über Straßensperrungen, Müllabfuhr oder wichtige Termine informiert werden. Dagegen hat niemand etwas. Doch längst geht es nicht mehr nur um nüchterne Informationen. Städte und Gemeinden beschäftigen inzwischen Social-Media-Manager, produzieren professionelle Videos, drehen Reels und posten täglich Inhalte, die eines gemeinsam haben: Sie zeigen die Arbeit der Verwaltung aus ihrer eigenen Perspektive.
Der Oberbürgermeister beim Spatenstich. Die Eröffnung eines Projekts. Die nächste Erfolgsmeldung aus dem Rathaus.
Was man dort kaum findet, sind kritische Fragen, kontroverse Debatten oder die Sicht der Opposition. Das kann man einer Pressestelle nicht einmal vorwerfen – denn ihre Aufgabe ist es schließlich nicht, die eigene Verwaltung kritisch zu hinterfragen.
Genau deshalb gibt es unabhängigen Journalismus.
Doch dieser gerät zunehmend unter Druck. Regionale Zeitungen kämpfen seit Jahren mit sinkenden Auflagen, steigenden Kosten und wegbrechenden Werbeeinnahmen. Gleichzeitig produzieren Kommunen immer mehr eigene Inhalte – kostenlos, direkt aufs Smartphone und finanziert aus Steuergeldern.
Warum sollte sich ein Bürger noch eine Zeitung kaufen oder ein Online-Abo abschließen, wenn die wichtigsten Meldungen aus dem Rathaus ohnehin kostenlos per WhatsApp auf dem Handy landen?
Damit entsteht eine Konkurrenz, die kein Verlag gewinnen kann. Denn die Stadt muss keine Abonnenten werben, keine Anzeigen verkaufen und keine wirtschaftlichen Risiken tragen. Sie wird aus öffentlichen Mitteln finanziert.
Das eigentliche Problem reicht jedoch noch weiter.
Eine Demokratie lebt von unabhängigen Medien, die Politik und Verwaltung kontrollieren, Entscheidungen hinterfragen und Missstände aufdecken. Eine Pressestelle kann und soll das gar nicht leisten. Sie vertritt die Interessen ihres Arbeitgebers – der Stadtverwaltung.
Wer sich ausschließlich über kommunale Kanäle informiert, erhält deshalb zwangsläufig nur einen Teil der Wahrheit: den, den das Rathaus veröffentlichen möchte.
Gerade deshalb ist es gefährlich, wenn Städte immer stärker zu eigenen Medienhäusern werden. Information darf nicht mit Öffentlichkeitsarbeit verwechselt werden.
Und noch etwas passt in Schweinfurt nicht zusammen.
Einerseits wird den Bürgern erklärt, wie dramatisch die finanzielle Lage der Stadt ist. Jeder Euro müsse mehrfach umgedreht werden. Andererseits werden Ressourcen für immer neue Kommunikationskanäle, Social-Media-Auftritte und digitale PR geschaffen.
Muss das wirklich Priorität haben?
Wäre dieses Geld nicht besser in Schulen investiert? In die Sanierung maroder Gebäude? In Sportvereine, Jugendarbeit oder kulturelle Einrichtungen, die tatsächlich unter Geldmangel leiden?
Niemand stellt infrage, dass eine Stadt ihre Bürger informieren soll.
Aber Information ist etwas anderes als Imagepflege.
Eine Verwaltung sollte transparent arbeiten. Sie sollte informieren – sachlich, knapp und neutral. Sie sollte jedoch nicht versuchen, den unabhängigen Lokaljournalismus zu ersetzen.
Denn wenn Rathäuser zu Medienhäusern werden, verliert am Ende nicht nur die Zeitung.
Dann verliert die Demokratie ein Stück ihrer wichtigsten Kontrollinstanz.

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