Eine satirische Glosse von Sandra Grätsch
Es gibt politische Probleme, die sind kompliziert. Und es gibt politische Probleme, die löst man mit einer Kamera. Oder besser gesagt: mit einer Überwachungsanlage. Das klingt entschlossen, modern und kostet nur ein bisschen Privatsphäre. Vor allem aber wirkt es beruhigend – zumindest für die richtigen Leute.
In der Hadergasse wurde nun also aufgerüstet. Grund: angeblicher Drogenhandel, Gewalt, dunkle Gestalten. Offenbar treten solche Phänomene bevorzugt dort auf, wo Menschen wohnen, die wissen, wen man anruft, wenn einem etwas nicht passt.
Man kennt das Prinzip. Es ist alt, bewährt und hat einen Namen: Klientelpolitik.
Das funktioniert so: Wenn sich ein Problem in einer Straße breitmacht, in der Menschen mit Einfluss wohnen, wird gehandelt. Wenn sich dasselbe Problem zwei Straßen weiter zeigt – dort, wo niemand beim Sommerempfang im Rathaus auf der Gästeliste steht –, nennt man es „eine komplexe soziale Lage“.
Die Lösung ist dabei denkbar elegant. Man installiert Kameras. Viele Kameras. Kameras, die das Problem so intensiv beobachten, bis es sich höflich verabschiedet.
Und wohin verabschiedet es sich? Nun ja – vermutlich dorthin, wo es weniger gut ausgeleuchtet ist. Probleme haben nämlich eine erstaunliche Mobilität. Sie verschwinden selten. Sie ziehen einfach um.
Insofern erinnert die Maßnahme stark an das gute alte Floriansprinzip:
„Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd’ andre an.“ not in my backyard
Nur dass man heute niemanden mehr anzünden muss. Eine Kamera reicht völlig. Sie sorgt dafür, dass das Problem diskret weiterwandert – vielleicht in eine Straße, deren Bewohner keine Beziehungen nach oben haben und deren Sorgen daher deutlich weniger kameratauglich sind.
Politisch betrachtet ist das eine hervorragende Lösung. Man kann Aktivität demonstrieren, Pressemitteilungen verschicken und beruhigt erklären, man habe „entschlossen reagiert“. Und tatsächlich stimmt das ja auch: Man hat entschlossen reagiert – allerdings nicht auf das Problem, sondern auf das Beschwerdemanagement der besser Vernetzten.
Am Ende bleibt die Hadergasse sauber, die Statistik sieht ordentlicher aus, und irgendwo anders wundert man sich plötzlich über neue dunkle Gestalten.
Aber dort wird man sich schon kümmern.
Sobald jemand mit Beziehungen dort einzieht.
Sobald jemand mit Beziehungen dort einzieht.
Es gab also eine Besprechung mit der Polizei damals von OB Kandidaten zum Thema . Ergebnis: Die Lage in der Hadergasse ist komplizierter, als manche Schlagzeile vermuten lässt. Drogenhandel? Wenn überhaupt, dann in so kleinen Mengen, dass rechtlich kaum etwas zu machen ist. Überwachung von Verdächtigen? Hat es bereits gegeben – mit eher mäßigem Erfolg. Gewalt? Fehlanzeige.
Kurz gesagt: Der große kriminalistische Showdown bleibt aus.
Was allerdings durchaus vorhanden ist, ist ein anderes Problem. Ein ästhetisches.
Denn in der Hadergasse stehen manchmal Menschen herum, die nicht so recht zum Immobilienprospekt passen. Sie trinken vielleicht ein Bier, reden laut, sehen nicht so aus, als kämen sie gerade von einem Architekturbüro oder einer Eigentümerversammlung.
Und das irritiert.
Schließlich hat man viel Geld für eine Wohnung bezahlt. Sehr viel Geld. Da erwartet man verständlicherweise auch eine passende Kulisse. Kopfsteinpflaster, Altbaucharme, vielleicht ein Kinderwagen mit Bio-Bambusdecke – aber ganz sicher keine Gestalten, die aussehen, als hätten sie weder Makler noch Notar gesehen.
Nun hat die Polizei erklärt, dass sie rechtlich wenig Handhabe hat. Kleine Mengen, wenig Substanz, keine Gewalt. Das ist unerfreulich, weil es eine einfache Lösung verhindert.
Also greift man zu einer anderen Maßnahme: Kameras.
Kameras lösen zwar selten soziale Probleme. Aber sie vermitteln das Gefühl, dass jemand etwas tut. Und Gefühle sind bekanntlich ein wichtiger Bestandteil moderner Stadtpolitik.
Dabei folgt die Logik einem alten Muster – einer Mischung aus Floriansprinzip und der internationalen Variante „Not in my backyard“.
Das Prinzip ist simpel:
Die Menschen dürfen ruhig irgendwo herumstehen. Nur eben nicht hier. Nicht in der eigenen Straße. Nicht vor den frisch sanierten Fassaden. Nicht zwischen Eigentumswohnungen, deren Quadratmeterpreis inzwischen fast so hoch ist wie die moralische Erwartung an die Umgebung.
Die Menschen dürfen ruhig irgendwo herumstehen. Nur eben nicht hier. Nicht in der eigenen Straße. Nicht vor den frisch sanierten Fassaden. Nicht zwischen Eigentumswohnungen, deren Quadratmeterpreis inzwischen fast so hoch ist wie die moralische Erwartung an die Umgebung.
Also installiert man Technik. Und hofft, dass das Problem das tut, was Probleme in solchen Fällen gerne tun: weiterziehen.
Vielleicht in eine Straße, in der Wohnungen nicht ganz so teuer sind. In der Bewohner weniger Kontakte haben. Oder in der man schlicht niemanden fragt.
Dort wird es dann plötzlich wieder „eine schwierige soziale Lage“ sein.
Aber immerhin: Die Hadergasse bleibt aufgeräumt.
Zumindest im Kamerabild.
Zumindest im Kamerabild.

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