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Es war der 27.02.2026. Ein ganz normaler Freitag. Wir wollten nur kurz durch die Stadtgalerie Schweinfurt schlendern. Ein wenig schauen, vielleicht einen Kaffee trinken, ein paar Tüten schwingen wie früher.
Was dann kam, war weniger Einkaufsbummel – mehr Stadtführung durch den Leerstand.
Ich erschrak. Und zwar nicht dieses kleine „Ach, schon wieder ein Räumungsverkauf“-Erschrecken. Nein. Es war dieses tiefe, leicht hallende Erschrecken, das man bekommt, wenn die eigenen Schritte lauter klingen als die Hintergrundmusik. Geschäfte geschlossen. Rollgitter unten. Schaufenster mit Papier verhängt. Mehr „Zu vermieten“ als „Willkommen“.
Man läuft durch diese große, überdachte Passage – architektonisch großzügig, thermisch vermutlich ein Albtraum – und denkt sich: Wer heizt hier eigentlich noch wen? Die Kundschaft das Gebäude oder das Gebäude die Kundschaft?
Natürlich wissen wir alle, was los ist. Onlinehandel, verändertes Konsumverhalten, Pandemie-Nachwirkungen, Energiepreise, Innenstadtkrise – das komplette Bullshit-Bingo moderner Stadtentwicklung. Theoretisch ist man vorbereitet. Praktisch sitzt der Schreck dann doch tief, wenn man vor einem weiteren dunklen Schaufenster steht.
Und dann beginnt das große Gedankenspiel:
Was passiert, wenn hier endgültig das Licht ausgeht?
Noch eine Bauruine mitten in Schweinfurt? Ein architektonisches Mahnmal für die Idee, dass Shoppingcenter automatisch Urbanität erzeugen?
Ein Ärztehaus? Klingt erst mal vernünftig. Aber diesen riesigen Innenraum im Winter zu beheizen – da kann man die Rezepte direkt mit Energiesparberatung ausstellen. „Sie haben Bluthochdruck?“ – „Kein Wunder, ich habe gerade die Heizkostenabrechnung gesehen.“
Wohnungen? Theoretisch charmant. Praktisch vermutlich ein Kosteninferno. Fenster rein, Decken raus, Grundrisse neu denken, Brandschutz, Lichtführung – am Ende ist die Sanierung teurer als der Bau eines halben Neubaugebiets.
Abriss? Auch keine Kleinigkeit. Beton verschwindet ja nicht höflich im Nichts. Und die Frage bleibt: Was kommt danach? Noch mehr Parkplätze? Ein Stadtpark mit dem Charme einer ehemaligen Konsumlandschaft?
Und dann schleicht sich dieser Gedanke ein, der eigentlich am meisten schmerzt: War das alles eine Fehlplanung? Eine Vision aus einer Zeit, in der man glaubte, überdachte Einkaufswelten seien die Rettung der Innenstädte. Politik, Investoren, Euphorie – und am Ende steht man 2026 in einer Passage, in der der Leerstand mehr Raum einnimmt als die Waren.
Die Stadtgalerie war einmal das Versprechen von Frequenz, Leben, Innenstadtbelebung. Heute wirkt sie stellenweise wie ein Museum für die Idee des stationären Handels.
Und doch – vielleicht liegt genau darin eine Chance. Vielleicht braucht es weniger Geschäfte und mehr Aufenthaltsqualität. Kultur, Begegnung, flexible Nutzung, Veranstaltungen, Start-ups, Werkstätten, Stadtlabor statt Kaufrausch. Ein Ort, der nicht nur verkauft, sondern verbindet.
Aber bis dahin bleibt sie vorerst das Schweinfurter Bermudadreieck: Man geht hinein – und irgendwo zwischen Rollgitter und Räumungsverkauf verschwindet ein Stück Innenstadtgefühl.
Und man verlässt das Gebäude mit einer Frage, die lauter ist als jeder Schritt auf den Fliesen:
Wie konnte aus so viel Raum so viel Leere werden?


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